
AIRIS
Ein Werk im Wandel
AIRIS wandert.
Und mit jedem Ort wandelt es sich.
Die Geschichte von AIRIS beginnt nicht mit AIRIS.
Eine ihrer Spuren führt zurück zu LICHT(e)WEGE in Kassel, 2014. Dort erschien die Form des Auges erstmals in meiner Arbeit – als IRIDO, eine Hommage an meinen Freund Zeev Pancer, Wissenschaftler und Forscher.
Zeev ist nicht mehr da.
Unser Dialog schon.
Seine Gedanken, seine wissenschaftliche Neugier, unsere Gespräche und unsere Freundschaft begleiten mich weiter. Nicht als Denkmal. Nicht als Erinnerung, die stehen bleibt. Eher als eine Stimme, die Fragen stellt. Vielleicht auch der Wunsch, einer Antwort nicht zu schnell zu glauben.



Jahre später kehrte die Form zurück.

Zierenberg · 2025
In Zierenberg, beim Windkunstfestival „Bewegter Wind“ (17.–31. August 2025), wurde aus dem Auge
AIRIS – das atmende Auge.
Ein großer Ring in der Landschaft. Ein Auge, das nicht nur schaut.
Dort war AIRIS vor allem dem Wind ausgesetzt.



Der Wind bewegte das Material. Er veränderte Oberfläche, Form und Wahrnehmung. Landschaft erschien durch das Auge und verschwand wieder.
AIRIS wurde Teil seines Ortes.
Und der Ort Teil von AIRIS.
Gedanken entstanden aus Wind, Blick und Bewegung:


Aus dem Wind entstanden Fragen des Sehens:
Der Wind malt. Der Blick entscheidet.
AIRIS sieht – hinaus und hinein.
Was du siehst, sieht dich an.
Was bewegt sich – das Werk oder die Welt?
Der Wind ließ sich nicht festhalten.
Vielleicht begann dort die Verwandlung von AIRIS.
Nicht jeder Gedanke wird Teil der sichtbaren Arbeit. Manche bleiben. Manche verschwinden. Manche tauchen an einem anderen Ort wieder auf – und bedeuten plötzlich etwas anderes.

7. Oktober
Nach Zierenberg veränderte sich AIRIS erneut.

Diesmal reiste nicht das Objekt.
AIRIS wurde Teil einer Publikation im Zusammenhang mit dem 7. Oktober.
Das Auge blickte plötzlich in eine andere Landschaft: Herkunft, Erinnerung, Verletzung, Zugehörigkeit und die Frage, wie wir aufeinander schauen.


Gedanken über Wind, Grenze, Fremdheit und Zugehörigkeit wurden in diesem Kontext anders lesbar.
Der Wind hat keine Grenze.
Der Wind trägt, was keinen Ort hat.
AIRIS blieb nicht dasselbe.

Weserstein · Hann. Münden · 2026
Jetzt steht AIRIS am Weserstein.
AIRIS ist dort Teil des Festivals DENKMALKUNST – KUNSTDENKMAL.
Hier werden Werra und Fulda zur Weser.
Der Wind bewegt.
Das Wasser trägt.
Es trägt etwas von weit her mit sich und nimmt anderes mit.
Es fließt durch Landschaften, Städte und Geschichten. Menschen geben ihm Namen, zeichnen Grenzen, erzählen von Ursprung und Ende.
Das Wasser fließt weiter.
Und damit verändern sich auch die Gedanken von AIRIS.
Aus Fragen des Sehens werden Fragen des Zusammenlebens.
Hier treffen sich nicht zwei Flüsse.
Hier treffen sich viele.
Viele Flüsse. Ein Wasser.
Zwei werden eins.
Das Eine bleibt viele.
Doch stimmt das überhaupt?
Werden zwei wirklich eins?
Was bleibt von dem, was vorher war?
Was zusammenfließt, verliert sich nicht?

Oder doch?
Was bleibt, wenn der Name verschwindet?
Wo endet das Eine und beginnt das Andere?
Wer gibt dem Wasser seinen Namen?
Wem gehört ein Fluss?
Kann Wasser eine Grenze sein?
Kann eine Grenze fließen?
Wo beginnst du?
Wo beginne ich?
Am Weserstein werden diese Fragen politischer.

Nicht weil AIRIS eine politische Antwort gibt.
Sondern weil Begriffe wie Grenze, Herkunft, Name, Fremdheit und Zugehörigkeit politisch werden, sobald wir sie auf Menschen übertragen.
Der Fluss macht die Fragen nicht einfacher.
Er macht sie schwieriger.
Gedanken vor Ort
AIRIS trägt Gedanken von einem Ort zum nächsten.
Doch sie bleiben nicht dieselben.
Ein Satz über den Wind bedeutet am Fluss etwas anderes.
Ein Gedanke über den Blick verändert sich, wenn er auf Geschichte trifft.
Eigene Sätze begegnen anderen Stimmen – Heraklit, Kohelet, Martin Buber, Hannah Arendt, Laozi und anderen.
Nicht weil sie AIRIS erklären.
Sie widersprechen einander. Ergänzen sich. Öffnen neue Wege.
Manche Gedanken werden zu Plaketten.
Andere bleiben Gedanken.
Vielleicht erscheinen sie später wieder.
AIRIS hat mehr Fragen als Antworten.
Vielleicht ist gerade das sein politischer Raum:

nicht zu sagen, was gedacht werden soll,
sondern einen Ort zu schaffen, an dem Gewissheiten für einen Moment ins Fließen geraten.
Material · Spuren · Reste

Auch das Material von AIRIS ist unterwegs.
Gefundener Müll. Stoffreste. Naturteile. Produktionsreste. Holz, Acrylglas und Fragmente anderer Arbeiten.
Darauf wird gemalt, gedruckt, geschnitten und graviert.
Materialien, die bereits eine Geschichte haben, bekommen eine andere.
Nichts davon muss für immer bleiben.
Etwas kommt hinzu.
Etwas fällt weg.
Etwas wird wiedergefunden.
Auch darin wandelt sich AIRIS.

Vom Auge zum Wind.
Vom Wind zum Wasser.
Vom Sehen zum Fragen.
Und weiter.
MiKi Z. Lazar · Hann. Münden · 2026
Wo steht AIRIS jetzt?
Am Weserstein in Hann. Münden, an der Spitze des Tanzwerders – dort, wo Werra und Fulda zusammenfließen und zur Weser werden. Als Teil des Festivals DENKMALKUNST – KUNSTDENKMAL.
Rund zwanzig Plaketten tragen Gedanken, Zitate und Fragen. Manche übersetzt. Manche nicht.